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GHVS Kopf

Die Entstehung der Geige

 

Vor langer Zeit lebte ein armer Mann mit seiner Frau. Beide waren betrübt. Nicht weil sie arm waren - nein - die beiden hatten keine Kinder. Kein Kind hatten sie.

 

Einmal ist die Frau im Wald. Plötzlich steht eine alte Frau vor ihr: "Sorge dich nicht! Du wirst ein Kind haben!" Die arme Frau schaut die Alte an. "Frau, geh heim, höhle einen Kürbis aus und fülle Milch hinein, schwenke den Kürbis und trinke die Milch. Du wirst einen Sohn haben. Das Kind wird glücklich werden. Dein Sohn wird die Menschen froh und reich machen." Schon ist die Alte verschwunden.

 

Die Frau kann es kaum glauben, aber sie tut, was die Alte gesagt hat. Bald merkt sie es, ihr Leib rundet sich. Sie erwartet ein Kind. Nach der Zeit bekommt sie ein Kind, ein schöner Sohn ist es. Die Eltern sind so froh, übergroß ist ihre Freude. Es vergehen glückliche Jahre, das Kind wächst heran. Eines Tages aber wird die Mutter krank. Matt liegt sie auf ihrem Lager, sie kann sich nicht mehr an ihrem Kind erfreuen. Nicht lange - und die Mutter stirbt. Nun zieht der Vater den Sohn mit Liebe und Güte auf. 20 Jahre ist er, ein junger Mann - da stirbt auch der Vater.

 

 Was soll nun werden? Bald packt der Bursche sein Bündel und wandert in die Welt. Wohin? - Das weiß er nicht. - "Hier will ich nicht bleiben - ich will mein Glück suchen!" Er geht von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Alles schaut er sich an, vieles sieht er, aber sein Glück findet er nicht.

Eines Tages kommt er in eine große Stadt. Auf den Straßen hört er es immer wieder:" Der König hat eine schöne Tochter. Dieses Mädchen gibt der König dem zur Frau, der etwas Besonderes zu Stande bringt, was es noch nicht gibt, was noch niemand auf der Welt gesehen hat. - Wer aber kommt und es nicht fertigbringt, verliert seinen Kopf." Viele Prinzen, Ritter und Edelleute kamen, sie brachten dies und das. Es war nichts Neues. Der König winkte ab.

Der junge Mann überlegt nicht lange, er geht zum Schloss und wird vor den König geführt. Der schaut den Burschen an: "Was willst du hier?" - "Herr König, was soll ich tun? Was wünscht Ihr Euch? Ich möchte Eure Tochter gewinnen!" - Der König wird rot vor Zorn. "Du - wie kannst du es wagen? Du willst meine Tochter? - Niemals! - In den Turm mit dir solange du lebst!" Schon packen ihn die Wachen und schleppen ihn in den Kerker, sperren ihn ein! Der Bursche hockt am Boden, dunkel ist es hier, nass und kalt. - Was kann er noch tun? - Er weint, die Tränen fließen über seine Wangen, er presst die Hände vor das Gesicht.  Er weint und weint. Da spürt er es - es wird hell um ihn, hell in dem dunklen Turm. Langsam hebt er den Kopf. - Was ist das? Er springt auf, er drückt sich an die Mauer. --- Vor ihm steht die Feenkönigin, die Matuya. Er starrt sie an. Sie lächelt! "Weine nicht, du wirst die Königstochter gewinnen. Sieh, dieses Kästchen und den Stab habe ich dir mitgebracht." - Der junge Mann schaut auf den Kasten. Ein einfacher Holzkasten ist es, oben hat er ein Loch. - Er greift zu. - "Nun zieh mir Haare aus, spanne sie über den Kasten und über den Stab." - Er zögert - der Fee ein Haar ausreißen?! - Nein, das kann er nicht! - Die Matuya dreht sich um, ihr langes Haar hängt vor dem jungen Mann. "Tu es!" Behutsam zieht er einige Haare aus. Er spannt sie über das Kästchen und über den Stab. "So ist es gut, Junge. Nun streiche mit dem Stab über die Haare." - Er tut es, nichts geschieht. Die Feenkönigin nimmt das Kästchen in ihre Hände. Sie beugt sich über das Kästchen und lacht in das Loch hinein. Herzlich lacht sie, froh und glücklich, laut und leise. Lange lacht sie in das Kästchen. Dann wird ihr Gesicht ernst, traurig wird es. Sie weint. Dicke Tränen fallen in den Kasten, lange weint sie. Endlich richtet sie sich auf und reicht ihm das Kästchen. "Dies ist eine Geige. Bringe sie dem König und allen Menschen. Du wirst alle mit der Geige froh und traurig machen, so wie du es willst. Sie legt die Geige fest in die Hand. "Halte sie und streiche darüber!" - Vorsichtig streicht er über die Haare, aus dem Kasten strömen zarte Töne, dann kräftiger, klarer, voller. Sein Herz jubelt! Er spielt und spielt. Die Matuya verschwindet, im Turm wird es dunkel. Er bemerkt es nicht, er spielt und spielt.

Endlich endet das Spiel. Er ist allein, er hält die Geige. Langsam wendet er sich zur Tür, er ruft die Wache und wird vor den König geführt. "Was willst du?" Der junge Mann verneigt sich und spielt. Der König horcht, sein Gesicht wird hell, er lächelt. Alle strömen zusammen und lauschen. Töne füllen den Saal - eine wunderbare Melodie. Die Menschen werden froh, sie lächeln, manche weinen leise.

 Endlich lässt der junge Mann die Geige sinken. "Herr König, dies ist eine Geige. Ich bringe sie Euch und allen Menschen“. Der König geht zu dem jungen Mann, er umarmt ihn. "Du hast Großes vollbracht! Die Geige rührt alle Menschen an! Du sollst meine Tochter zur Frau haben! Du bist der Richtige!"

Bald wurde die Hochzeit gefeiert. Ein großes, frohes Fest mit viel Musik.

Der junge Mann und die Prinzessin lebten glücklich miteinander. Die Geige hat sie stets begleitet.

 

So ist die Geige in die Welt gekommen. Noch heute erfreut sie alle Menschen.

 

 

Erzählt von Gertrud Hempel 

 

Quelle: Märchen der Weltliteratur

     Zigeunermärchen

     Eugen Diederichs-Verlag

     München, 1962
     

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